Kosumkritik Teil II

Fairer Handel

Die verschiedensten Realisierungen von fairem Handel sind aus den Zielen entstanden Verbraucher über die Zusammenhänge des Welthandels aufzuklären und über die Möglichkeit alternativer Handelsstrukturen zu informieren.

Durch die Tatsache, dass 2009 erstmals über eine Milliarde Menschen in der Welt hungerten und die Nahrungsmittelpreise seit dem nicht gefallen sind, sondern konstant steigen, wird diese Notwendigkeit auch in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Seit der Finanzkrise steigt die Anzahl der Börsenspekulationen mit Nahrungsmitteln und Versorgungsgütern, was den weltweiten Hunger durch höhere Nahrungsmittelpreise ausbreitet. Die Bedeutung von nachhaltiger Produktion und fairem Handel wird auch durch den fortschreitenden Klimawandel größer.

Die Eingliederung dieses globalen gesellschaftlichen Problems in die öffentliche Aufmerksamkeit ist alternativlose Bedingung um diese Zustände zu verändern. Ein Weg diese öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen ist die Bildung von Dachorganisationen, die fair gehandelte Produkte vermarkten. Diese Organisationen sorgen unter anderem dafür, dass sich fair gehandelte Produkte von konventionell gehandelten unterscheidbar sind. Optische Erkennung wurde ein einheitliches Siegel geschaffen. Damit einhergehend wurden Kriterien ausgearbeitet, die ein Produkt in der Herstellung erfüllen muss, um dieses Siegel zu bekommen. Diese Vergabekriterien sollen die Einhaltung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Mindeststandards gewährleisten. Die Einhaltung dieser Standards wird durch unabhängige Kontrollen sichergestellt.

Längerfristig sollen durch fairen Handel zwei Ziele umgesetzt werden. Zum Einen, dass möglichst viele fair gehandelte Produkte verkauft werden, um so die Armut zu reduzieren und eine eigenständige Entwicklung und Verarbeitung der Produkte in den Herkunftsländern zu ermöglichen. Zum Anderen soll eine Veränderung der allgemeinen Handelsbedingungen dahingehend erreicht werden, dass alle Produkte den Produzenten*innen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Um diese Ziele zu erreichen, sind in den Ländern, in denen diese Produkte vertrieben werden, Anstrengungen in der Bildungsarbeit und in der Politik notwendig, ebenso wie ein generelles Umdenken breiter Bevölkerungsschichten.

Fairer Handel und nachhaltige Produktion – zwei Dinge, die oft gemeinsam genannt werden, jedoch auch vollkommen losgelöst voneinander betrachtet werden können – erfordern eine konsequente politische Umsetzung und eine Bewusstseins- und Verhaltensänderung jedes Einzelnen. Eine Betrachtung der gegenwärtigen Verbreitung fair gehandelter Produkte, deren Konsumenten und der politischen Anstrengungen, die unternommen werden, um diese Handelsform zu unterstützen, spiegeln ein grundlegendes fehlendes Vertrauen breiter Gesellschaftsschichten in den Politikbetrieb wieder. Dieser Vertrauensverlust ist häufig kombiniert mit einer immensen Überschätzung politischer Alltagspraxis. Viele Konsumenten sind der Meinung, dass der Konsum von fair gehandelten Produkten ihre Handlungsmöglichkeiten ausschöpft. Viel wirkungsvoller für die Erreichung der längerfristigen Ziele wäre es, wenn sich der oder die Einzelne in seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht primär als Konsument sieht, sondern sich selbst stattdessen als Bürger wahrnimmt.

Andere Punkte in der Umsetzung von fairem Handel müssen ebenfalls kritisch betrachtet werden.

Wie viel Unterstützung man den Produzenten durch den Kauf von fair gehandelten Produkten zukommen lässt, ist zum Beispiel bei Fair Trade, dem größten, bekanntesten und von der Produktpalette am breitesten aufgestellten Anbieter von fair gehandelten Produkten, in keiner Weise ersichtlich.

Ebenso muss die Handelsmarke sich Kritik über die fehlende Transparenz bei dem Prozess der Siegelvergabe und -kontrolle gefallen lassen. Diese ist notwendig, um Vertrauen der Abnehmer in diese Handelsform aufzubauen. Es muss klar ersichtlich sein warum – und warum nicht – sich Produkte mit diesem Handelssiegel auszeichnen dürfen und wie viel von dem erwirtschafteten Absatz auf die Produzenten, die Zwischenhändler und nicht zuletzt auf die Siegelinstitutionen verteilt werden. Wenn diese Prozesse nicht transparent und nachvollziehbar gemacht werden, kann nicht zweifelsfrei bewiesen werden, dass es sich um fairen Handel handelt und nicht um eine skrupellose Wirtschaftsstrategie.

Ein anderer Punkt der an dem derzeit praktizierten System von Fair Trade zu kritisieren ist, ist die unabhängige Kontrollinstanz. Keine Kontrollinstanz, deren Name und Finanzierung nicht offen genannt wird, kann sich zweifelsfrei „unabhängig“ nennen.

Fairer Handel wird in dem Newsletter Bürgergesellschaft 22/2009 vom 06.11.2009 beschrieben als ein „marktpolitisches Instrument, das Standards setzt, Beispiele für das Machbare gibt und es in Ergänzung der „klassischen“ Entwicklungshilfe jeder und jedem privat und als Entscheider*in in Unternehmen, Institutionen, und Politik ermöglicht, Armut in Entwicklungsländern zu reduzieren und einen respektvollen Umgang mit Menschen und Ressourcen weltweit zu pflegen.“

Dieser einseitig positiven Einschätzung ist entgegenzusetzen, das – nur um mit einem der Punkte zu beginnen – nicht jede und jeder die Möglichkeit hat diese Produkte zu erwerben. Durch die Tatsache, dass fair gehandelte Produkte teurer sind, als konventionell gehandelte müssen finanzielle Voraussetzungen des Käufers oder der Käuferin erfüllt sein. Die Verfügbarkeit dieser Produkte schränkt diese Verallgemeinerung zusätzlich ein.

Auf den Punkt der Armutsbekämpfung ist bereits vorangestellt beispielhaft an der fehlenden Transparenz von Fair Trade eingegangen worden. Andere Organisationen fair gehandelter Güter sind in diesem Bereich transparenter, jedoch auch durch geringe Verbreitung weit schwieriger zu erwerben.

Als letzter Punkt ist darauf einzugehen, dass fairer Handel ein marktpolitisches Instrument ist. Ein Prinzip, das versucht menschenverachtende Handelspraktiken als, wie in dieser Handelsform, ein bisschen weniger menschenverachtend zu verkaufen. Die einzelnen Produzenten werden jedoch auch in dieser Handelsform nicht auf die gleiche Stufe gestellt wie die Abnehmer.

Fairer Handel sollte Handel sein, der auf gleicher Augenhöhe stattfindet und jeder Partei eine Wahlmöglichkeit ermöglicht. Gleiche Rechte und die Möglichkeit mehr als nur eine symbolische Entscheidung zu fällen sollte in dem weltweiten Handelssystem ein größeres Gewicht bekommen. Fairer Handel sollte Handel sein, der nicht bewirkt, dass die groben Verhältnisstrukturen zwischen Produzenten und Konsumenten festbetoniert werden, anstatt aufgebrochen.

Wenn von „Produzenten“, „Konsumenten“ oder anderen Personengruppen die Rede ist, so sind damit selbstverständlich Menschen aller möglichen biologischen Geschlechter gemeint. Einschlägige Möglichkeiten, das im Text auszudrücken, wie das Binnen-I oder den Unterstrich _ wurden nicht benutzt, da es 1. das Lesen erschwert und 2. Inter- und Transsexuelle ebenfalls ausschließt.

Dennis Linksjugend [’solid] Ortsgruppe Karlsruhe

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