Kommunismus. Der Weg zu einer klassenlosen Gesellschaft

Versuch einer Erläuterung eines zu Unrecht aus der Mode gekommenen Begriffes

Von der AG Kommunismus der Linksjugend [’solid] Baden-Württemberg

Seit die kapitalistische Form des Wirtschaftens sich als die vorherrschende Gesellschaftsform durchgesetzt hat, gibt es auch politische Bewegungen, die deren unangenehmen Folgen abzumildern versuchen, wie zum Beispiel die christliche Sozialbewegung oder sozialdemokratische Reformpolitiker*.

Es gibt aber auch Kräfte, die die kapitalistische Produktionsweise selbst als Grund für Verwahrlosung, Verarmung und Entfremdung identifizieren und deswegen selbige komplett überwinden wollen. Eine davon wird aufgrund ihres Ziels einer klassenlosen Gesellschaft, in der die Menschen ihr soziales und ökonomisches Zusammenleben gemeinsam (lat. communis) frei von Ausbeutung und Repression gestalten, Kommunismus genannt. Was sich wie eine Utopie anhört ist im Gegenteil eine real existierende Bewegung, die sich auf nüchterner Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft stützt.

  1. Kapitalismus – Was ist das eigentlich?

    In seinem Hauptwerk „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“ legt der kommunistische Theoretiker Karl Marx eine detaillierte Analyse der kapitalistischen Wirtschaft dar. Sein Ziel ist es, den Kapitalismus darzustellen und ihn durch diese Darstellung gleichzeitig zu kritiseren. Der Untertitel des Buches verweist außerdem darauf, dass es ihn vor allem auf eine Kritik der ökonomischen Begriffe ankommt, die andere Ökonomen seiner Zeit verwenden, ohne deren Sinn zu hinterfragen. Marx‘ Meinung nach beschreiben die meisten bürgerlichen Ökonomen den Kapitalismus zwar treffend, sind aber unfähig zu einer Kaptialismus-Kritik, weil sie Dinge wie Ware, Geld und Kapital als unveränderliche Fakten hinnehmen, statt anzuerkennen, dass es sich bei diesen Dingen um den Ausdruck von Verhältnissen zwischen Menschen handelt, die sich in einem historischen Prozess durchgesetzt haben. Die Erkenntnis, dass diese Verhältnisse der Menschen zueinander grundsätzlich veränderbar sind, ist sehr wichtig, um sich überhaupt kritisch mit ihnen auseinandersetzen zu können.

    Doch was genau ist Kapitalismus nun? Seine Analyse beginnt Marx mit der Feststellung, dass in der kapitalistischen Gesellschaft alles zur Ware wird. Eine Ware hat zwei Eigenschaften: Einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Gebrauchswert ist die Nützlichkeit einer Sache, Tauschwert ist das Mengenverhältnis, in dem eine Ware mit einer anderen am Markt ausgetauscht wird. Das Bier im Supermarkt hat also zwei Eigenschaften: Es ist a) lecker und kostet b) 69 cent. Zur Ware wird ein Ding aber nur dann, wenn es unter unabhängig voneinander, produzierenden Privateigentümern ausgetauscht wird. Das setzt voraus, dass die beiden Tauschenden nicht für den eigenen Bedarf produzieren, sondern durch den Tausch andere Dinge bekommen wollen. In einer Gesellschaft, die auf Warentausch beruht, braucht es notwendigerweise eine Ware, die gegen alle anderen eingetauscht werden kann: Das Geld. Geld, das eingesetzt wird um sich durch den Austausch mit anderen Waren zu vermehren, ist Kapital. Angenommen, dass Dinge immer zu ihrem Wert getauscht werden, kann eine Menge Geld nur zum Kapital werden, wenn es zum Kauf einer Ware verwendet wird, deren Gebrauchswert es ist, Tauschwert zu schaffen. Diese Ware ist die Ware Arbeitskraft. Kapital kann also nur existieren, indem es sich im Austausch mit menschlicher Arbeitskraft vermehrt. Kapitalistisch ist eine Gesellschaft dann, wenn die Produktion von Gütern der Logik der Kapitalverwertung, dass heißt der Vermehrung des Werts unterliegt. Es ist eines der Grundprobleme kapitalistischer Gesellschaften, dass zwar eine ungeheure Menge an Waren geschaffen wird, diese allerdings nicht zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse da sind, sondern um Profit zu erzielen. Hunger ist im Kapitalismus kein Grund dazu, Brot zu backen. Brot wird nur gebacken, wenn durch den Verkauf des Brotes Profit erzielt werden kann. Gleichzeitig ist im Kapitalismus keine rationale, gesamtgesellschaftliche Planung der Produktion und der Verteilung der Güter möglich, da die Produktion der Logik der Märke unterliegt. Die Märkte sind im Prinzip nicht anderes als Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses, nämlich das der unäbhängig voneinander produzierenden Warenbesitzer. Den Menschen im Kapitalismus tritt dieses gesellschaftliche Verhältnis allerdings als eine mysteriöse Macht gegenüber, auf die sie keinen direkten Einfluss haben und dessen Willen sie sich unterwerfen müssen. Das kann zum Beispiel in den Abendnachrichten oder in politischen Talkshows beobachtet werden, wenn „Finanzexpert_innen“ darüber reden, wie man die nervösen Märkte am besten beruhigt.

  2. Der Begriff der Klasse

    Marx geht es in seinem Werk um Kapitalismuskritik, nicht um Kapitalistenkritik. Kapitalisten* sind nach der marx’schen Definition die Personen, die als die Verkörperung des Kapitals auftreten und es verwalten. Seine Kritik richtet sich nicht an das Verhalten dieser Personen, sondern an das gesellschaftliche Verhältnis, für das sie stehen. In diesem Zusammenhang spricht er von Charaktermasken: In der kapitalistischen Gesellschaft nehmen die einzelnen Menschen bestimmte Rollen an: Als Arbeiter, Manager, Kleinstunternehmer etc. Es geht nicht darum, die einzelnen Personen für die Rolle, die sie spielen, an den Pranger zu stellen, sondern die Existenz solcher verschiedener Rollen an sich zu beenden.

    Dies führt uns zum Begriff der Klasse. Die kapitalistische Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft, da ein Großteil der Bevölkerung darauf angewiesen ist, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Verkauf der eigenen Arbeitskraft bedeutet nichts anderes, als dass die Produkte, die die Lohnabhängigen durch ihre Arbeit schaffen, nicht ihnen selbst gehören. Sie gehören demjenigen, dem sie ihre Arbeitskraft verkauft haben: Dem Kapitalisten, dem die Produktionsmittel gehören, mit denen die Lohnabhängigen arbeiten. Die Kapitalisten wiederum können ebenfalls nicht frei über die Arbeitsprodukte verfügen. Wenn sie sich in der Konkurrenz durchsetzen wollen, müssen sie dafür sorgen, dass sich das Kapital genug vermehrt, um neue Investitionen zu ermöglichen. Will ein Kapitalist seinen Status also nicht wieder verlieren, muss er Profit erwirtschaften. Wir halten fest, dass im Kapitalismus alle Menschen der Kapitalverwertung unterworfen sind, einige aber durch das Eigentum an Produktionsmitteln Vorteile gegenüber dem lohnabhängigen Rest haben. Die Begriffe „Arbeiterklasse“ und „Proletariat“ , sind im Werk von Marx die Bezeichnung für die Klasse der Lohnabhängigen. Es sind damit also nicht nur die klassischen Fabrikarbeiter gemeint. [hier ist ein Abschnitt gestrichen worden]

  3. Der „Vater Staat“ – Gegenspieler des Kapitals?

    In den Medien wird gerne die Behauptung aufgestellt, Kommunist_innen wollten alles verstaatlichen und kontrollieren. Und viele soziale Bewegungen fordern tatsächlich die Verstaatlichung von bestimmten Betrieben und die stärkere Regulierung der Märkte durch den Staat. Doch der moderne, bürgerliche Staat ist keineswegs eine dem Kapitalismus entgegengesetzte Einrichtung, sondern ist zusammen mit dem Kapitalismus entstanden und erhält diesen durch seine Gesetze aufrecht. Die Verbreitung des Fabriksystems im Großbrittannien des 19. Jh. beispielsweise wurde durch staatliche Zwangsmaßnahmen und Regelungen abgesichert. Und auch heute ist es eine der Hauptaufgaben des Staates, sicherzustellen, dass auf seinem Territorium die Verwertung von Kapital ohne Hindernisse stattfinden kann. „Arbeitsplätze schaffen“, „Wettbewerbsfähigkeit erhalten“, „Wachstum ankurbeln“, das sind die Aufgaben, die der bürgerliche Staat, völlig unabhängig von den Personen, die gerade das Staatspersonal stellen, bewältigen muss. Um den Kapitalismus erhalten zu können, muss der Staat allerdings auch öfters mal in den Prozess der Kapitalverwertung eingreifen: Durch Sozialgesetzgebung, arbeitsrechtliche Vorschriften und Regulation des Wettbewerbs sorgt der Staat dafür, dass die Klasse der Lohnabhängigen nicht komplett verwahrlost und weiterhin in der Lage ist für das Wohl der Nation zu schuften. Der Staat sorgt also dafür, dass sich die einzelnen Kapitale durch die Konkurrenz nicht gegenseitig ruinieren, er ist der ideele Gesamtkapitalist.

    Die bürgerliche Gesellschaft unterscheidet sich von früheren Gesellschaften unter anderem darin, dass ökonomische und politische Macht personell und institutionell getrennt sind. Die mittelalterliche Feudalherrschaft kannte dieses Auseinanderfallen von Gesellschaft und Staat beispielsweise nicht. Hier war der Lehnsherr, dem das Land, und damit das damals wichtigste Produktionsmittel gehörte, auch gleichzeitig der politische Herrscher über seine Vasallen.

    Der bürgerliche Staat muss, wie oben dargestellt, in der Lage sein, die Interessen der verschiedenen Klassen soweit in seine Entscheidungen mit einzubeziehen, dass das Wachsen der Volkswirtschaft gewährleistet ist. Daher enteht oft der Eindruck, der Staat sei eine Kraft, die dem Kapital entgegenwirkt und deswegen fordern so viele linke Gruppierungen auch mal gerne einen starken Staat. Nicht so die Kommunist_innen. Sie gehen davon aus, dass eine Umwälzung der herrschenden Verhältnisse auch eine neue Art der sozialen Organisation verlangt und wollen mit dem Kapitalismus auch den bürgerlichen Staat überwinden.

  4. Wie geht’s denn nun zum Kommunismus?

    Der Kommunismus ist die Bewegung, die es sich zum Ziel gemacht hat, die kapitalistischen Verhältnisse aufzuheben. Das bedeutet, dass an die Stelle des Kapitalismus, der auf dem Privateigentum dan Produktionsmitteln, dem Austausch am Markt und der Trennung zwischen Staat und Gesellschaft basiert, eine Gesellschaft treten soll, in der die Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet wird und die Menschen bewusst über ihr Zusammenleben bestimmen. Aus dem oben dargestellten lassen sich folgende Punkte als Ziel der kommunistischen Bewegung benennen:

    1. Vergessellschaftung der Produktionsmittel. Das bedeutet, alle Dinge, die zur Produktion von Gütern gebraucht werden, dürfen kein Privateigentum mehr sein, sondern werden von der gesamten Gesellschaft verwaltet. Dadurch wird eine Planung der Produktion und eine Verteilung der Güter nach humanen Maßstäben möglich. Sprich: Brot kriegt ab jetzt, wer Hunger hat. Die Bedürfnisse der Menschen bestimmen, was hergestellt wird. Persönlicher Besitz bleibt selbstverständlich weiter möglich.

    2. Aufhebung der Warenproduktion. Wenn alle Dinge nach dem Bedürfnisprinzip produziert und verteilt werden, sind sie keine Waren mehr. Damit fallen auch alle Dinge weg, die aufgrund der Warenproduktion erst nötig waren, nämlich Markt, Geld und Preis. Das hört sich nun zweifellos sehr utopisch an, ist aber nichts anderes als das Ergebnis der obigen Kapitalismus-Analyse: Geld braucht man, um Dinge auf dem Markt austauschen zu können. Markt braucht man, wenn die Gesellschaft aus Warenbesitzern besteht, die unabhängig voneinander produzieren. Hat man das nicht mehr, werden Märkte und Geld schlicht und einfach überflüssig. Die bewusste Entscheidung der Gesellschaft und nicht mehr die zufällige, vom Willen der Individuen unabhängige Macht der Märkte bestimmt die Verteilung.

    3. Aufhebung des Widerspruches zwischen Gesellschaft und Staat. Der moderne, bürgerliche Staat ist zusammen mit dem Kapitalismus entstanden. Die kapitalistische Gesellschaft braucht eine übergeordnete Gewalt, die auf ihrem Territorium bestimmte Zwangsmaßnahmen durchsetzt, die der Sicherung der reibungslosen Kapitalvermehrung dienen. Der Staat im Kapitalismus ist also eine der Gesellschaft entgegengesetzte Einrichtung. In einer Gesellschaft wie in den Punkten 1. und 2. wäre ein solcher Staat nicht mehr nötig: Die Menschen müssen sich zwar nach wie vor organiseren und absprechen, aber ein Staat, der ein Gewaltmonopol beansprucht und es einsetzt, um die Volkswirtschaft auf Kurs zu halten, wird nicht mehr gebraucht. Das bedeutet nicht, dass es in einer solchen Gesellschaft keine Regeln mehr für den Umgang miteinander braucht.

* Wenn wir von „Kapitalisten“, Arbeitern“ oder anderen Personengruppen reden, so meinen wir damit selbstverständlich Menschen aller möglichen biologischen Geschlechter. Einschlägige Möglichkeiten, das im Text auszudrücken, wie das Binnen-I oder den Unterstrich _ benutzen wir nicht, da es 1. das Lesen erschwert und 2. Inter- und Transsexuelle ebenfalls ausschließt.

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