„Kein bischen Frieden: Linke Bewegungen in den 1980ern in Karlsruhe“

Gesprächsreihe in der Planwirtschaft:
„Kein bischen Frieden: Linke Bewegungen in den 1980ern in Karlsruhe“

Dienstag, 03.04.2012
Gespräch mit zwei Aktivisten aus der antiimperilistischen Bewegung.

Mittwoch, 11.04.2012
Zwei Frauen aus der autonomen FrauenLesben-Bewegung erzählen von ihrem wütenden Aufbruch.

Mittwoch, 18.04.2012
„Nieder mit der Arbeit!“ – Wir treffen Jobber& Jobberinnen aus den 80ern.

Montag, 23.04.2012
Begegnung mit 1,2 oder 3 Autonomen.

immer um 19 Uhr
immer in der Planwirtschaft
Werder-/Wilhelmstr., KA

KEIN BISSCHEN FRIEDEN – Gesprächsreihe „Linke Bewegungen in den 1980ern in Karlsruhe“

Auf Spurensuche in Karlsruhe:

Geschichte von unten Helmut Kohls geistig-moralische Wende kam 1982. Tschernobyl explodierte 1986. Die Mauer fiel 1989. Die 1980er, das war das Jahrzehnt von „ein bisschen Frieden“, von Stulpen und grellen Seidenblousons. In Karlsruhe wurde die Grüne Partei gegründet, Winfried Schäfer führte den KSC in die erste Bundesliga und im Wildparkstadion fand 1985 das Monsters of Rock-Festival statt. So könnte das Jahrzehnt im Stenogramm nach offizieller Lesart zusammenfasst werden.

Geschichte ist erinnerte und ausgedrückte Vergangenheit. Weil sie identitätsstiftend ist, ist sie auch umkämpft. Es erstaunt daher nicht, dass Geschichte gewöhnlich als die Geschichte der Herrschenden erzählt wird. Die Geschichten, an die wir erinnern wollen, sind zwar andere als die der Herrschenden, sind jedoch keineswegs losgelöst davon – im Gegenteil. Die herrschenden Verhältnisse, die Geschichte von oben, sind in Wechselwirkung mit den radikalen Aufbrüchen zu denken, denen wir nachspüren wollen, der Geschichte von unten. Auf unserer Spurensuche sind wir mit Aktivisten und Aktivistinnen aus Karlsruhe zusammengekommen, die in den 1980er Jahren in linken Bewegungen aktiv waren.

Die Erinnerung Ihrer Vergangenheit ist nicht lückenlos, auch nicht objektiv oder repräsentativ. Aber der Austausch über Ihre Erlebnisse ist die denkbar unmittelbarste und lebendigste Auseinandersetzung mit Ausschnitten linker lokaler Bewegungsgeschichte. Denn Ihre Träume und Kämpfe sind Teil unserer gemeinsamen Geschichte.

Die Ausgangssituation Maggie

Thatcher brachte es 1980 auf den Punkt: Mit ihrer als alternativlos ausgerufenen Wende zum Neoliberalismus formulierte sie den Schlussakkord eines Kampfzyklus, der seinen Ausgangspunkt in den Kämpfen 1968/1969 hatte. Anfang der 1980er Jahre war die APO-Bewegung zerfahren und aufgesplittert: Ein Teil der revoltierenden Studenten und Studentinnen hatte der Bewegung den Rücken gekehrt und den Marsch durch die Institutionen angetreten, ein anderer Teil hatte sich mit den Herausforderungen des grünen oder kommunistischen Parteiaufbaus verzettelt und wieder andere versuchten, die Bewegung mithilfe des bewaffneten Kampfes zu reanimieren.

Auf der anderen Seite hatte das Kapital die Revolten von Anfang der 1970er Jahre verarbeitet und in der Nachfolge die Grundlagen heutiger Produktions- und Beschäftigungsverhältnisse geschaffen. Mit der Wahl von Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Helmut Kohl wurde dieser Umbruch politisch abgesichert und in staatliches Handeln überführt. Seither sind in den entwickelten Industrieländern der Produktions- wie der Reproduktionsbereich neoliberalen Umgestaltungsprozessen unterworfen. Auf diese muffige Restauration knallte die Ungestümtheit der sozialen und autonomen Bewegungen, mit denen wir uns im Rahmen der Gesprächsreihe beschäftigen wollen.

Unsere Ausschnitte aus der Geschichte

Die feministische Bewegung.

Wir treffen auf zwei Aktivistinnen der feministischen / FrauenLesben-Bewegung. Sie werden von Ihrer Wut, die die fortwährende – auch gewalttätige – Unterdrückung von Frauen und die gesellschaftliche Intoleranz lesbischen Lebensformen gegenüber ausgelöst hatte, erzählen. Und Ihrem radikalen Aufbruch: Sie machten sich auf die Suche nach einer unabhängigen Identität als Frauen und Lesben und entwickelten eine eigene Kultur, samt der dazugehörigen Räume und Strukturen, diese ausleben zu können. Die beiden verorten sich in der autonomen FrauenLesben-Bewegung und waren u.a. an der Herausgabe der Karlsruher Frauenzeitschrift Lava beteiligt.

Die Autonomen in Bewegung

Den Autonomen, wenn es überhaupt zulässig ist, diesen gespreizten Begriff einer Bewegung zuzuordnen, begegnen wir in Männergestalt. Ihr Auftreten und Ihr Lebensentwurf ist vielleicht derjenige, der auch heute noch als der geläufigste erinnert wird, galt dieses Jahrzehnt doch als Geburtsstunde und zugleich als Höhepunkt der autonomen Bewegung. Die Autonomen wirbelten durch das Jahrzehnt: Massenhaft und militant waren sie an unzählbaren Auseinandersetzungen – Häuserkämpfe, StartbahnWest, Anti-AKW-Demos – in den 1980er Jahren beteiligt. Zwei Jahrzehnte später ist es ruhiger um die autonome Bewegung geworden. Auch unser Aktivist hat Knüppel, Hasskappe und Lederjacke an den Haken gehängt.

Die antiimperialistische Bewegung

Die Aktivisten und Aktivistinnen der antiimperialistischen Bewegung stemmten sich gegen den Zerfall und die Zersplitterung des Aufbruchs von 1968/69. Sie schöpften Hoffnung aus den Kämpfen der antikolonialen und antiimperialistischen Befreiungsbewegungen weltweit. Ihren Kampf hier stellten sie in den Zusammenhang der Kämpfe dort – und genau wie dort wurde auch hier Freiheit als nur durchsetzbar gedacht, wenn der bewaffnete Kampf ein Teil des Widerstands ist. Im Gespräch werden wir zwei Aktivisten kennenlernen, die sich auch der Kehrseite des antiimperialistischen Widerstands zuwandten: Sie haben viel Kraft in die Solidaritätsarbeit für die politischen Gefangenen gesteckt.

Die Jobber_innen in Bewegung

Sie waren der autonome Gegenentwurf zur produktionsorientierten Traditionslinken. Unter der Losung „Nieder mit der Arbeit!“ griffen sie in die Klassenverhältnisse ein. Die Karlsruher Jobber und Jobberinnen, mit denen wir sprechen werden, waren immer wieder bei Auseinandersetzungen in Betrieben präsent, genauso wie sie auch mit Broschüren, z.B. mit Tipps zum Krankfeiern, versuchten, die Arbeitsverweigerung zu befeuern. Das damalige „Jobberzentrum“ war sozialer Treffpunkt, Redaktion und Druckerei in einem. Ein Druckwerk, das in dieser Zeit aus der Karlsruher Stadtzeitung entstand, gibt es heute noch: Die „wildcat“. Und noch etwas gibt es heute (leider) noch: Die Arbeit.

 

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