Kony, ein Verbrecher – und ich?

von Felix H., Linksjugend-Basisgruppe Esslingen:

Es ist momentan schwer zu übersehen: überall schwirren Links in sozialen Netzwerken herum, “Kony 2012″, “Invisible Children”. Was sind das für Links? was ist das für ein Problem? Es geht um den ugandischen Anführer der LRA (Lord’s Resistance Army), welcher sich Kony nennt und auf der internationalen Verbrecherliste ganz weit oben steht. Bekannt ist dieser vor allem für seine grausamen Taten an der ugandischen Bevölkerung und vor allem der Verschleppung von geschätzten 60000 Kindern und Rekrutierung dieser als Soldaten. Das ist auch der Hauptpunkt in dem Film “Kony 2012″, welcher vor allem eines kann: auf die Tränendrüse drücken.

Es geht darum, dass mit der Kampagne “Kony 2012″ Kony bis zum Jahresende gefasst wird indem man seinen Namen bekannt macht und an die Organisation “Invisible Children” möglichst viel Geld spendet.

Da wird es schon den ein oder anderen etwas stutzig stimmen. Geld spenden um Leute zu fangen? Nun kurz angerissen: “Invisible Children” wurde von 3 Smart Guys gegründet, die inzwischen 2011 schon knapp 9 Mio US$ eingenommen haben, und diese, wie man denken könnte, gespendet haben. Nunja, es sind lediglich 2,8 Mio für direkte Spenden ausgegeben wurden. der Rest war… Verpflegung, Geld für den Film, Werbung und vor allem deren eigenes Gehalt. Das gespendete Geld wird größtenteils in die ugandische Armee fließen, die für Vergewaltigung von Frauen und Kindern bekannt ist und an einen Machthaber, der menschenrechtsverletzende Ziele politisch umsetzen möchte.

Um dies noch weiter aufzuschlüsseln, habe ich folgende Links zu empfehlen:

Das eigentliche Problem: Was bewirkt das fangen dieses Kony und wie geht es weiter? Ist das Problem beseitigt? 

Ein Kony existiert vor allem durch eins: politische Ohnmacht und Destrukturierung. Eine Geschichte die vor allem im 19. Jhd. von Putschen und Menschenrechtsverletzungen durchsetzt ist, hat Uganda und viele andere afrikanische Staaten geprägt, deren Folgen jetzt noch gut zu sehen sind. So zählt Uganda heute noch zu den ärmsten Ländern der Welt und bietet daher ein ziemlich interessantes Ziel für “westliche” Unternehmen aus der “zivilisierten” Welt.  Nein nicht hauptsächlich als Abnehmer, sondern vor allem als Rohstofflieferant. Um es vorweg zu sagen: nein, Kony ist nicht durch ein Unternehmen zu einem Verbrecher geworden, sondern wie es scheint durch eine psychische Störung.

Aber die Frage wäre in dem Fall, wie konnte sich so ein Mensch halten, wie konnte er einen solchen Zulauf erfahren?

Es ist nicht schwer, wir müssen nur auf die deutsche Geschichte schauen: Die Wirtschaft ist am Boden, den Menschen geht es schlecht, Bildung ist ein Mangelgut. Es gibt für den Einzelnen keine Perspektive, außer weiter in Armut zu leben oder eben zur Armee zu gehen. Da man die momentane Lage der Regierung zuspricht geht man also zu dem, der etwas Besseres predigt und vorgibt zu tun oder einem einfach Arbeit gibt. In dem Fall einen Staat gemäß des Alten Testaments zu gründen und das vor allem mit Waffengewalt und ohne Rücksicht auf Verluste. Mit dieser Macht und vor allem mit den Menschen die ihn unterstützen konnte Kony seit 1987 ganze Dörfer verwüsten, Menschen verstümmeln, vergewaltigen und umbringen lassen und das nicht nur in Uganda sondern auch in anliegenden Staaten. Im heutigen Uganda sieht es nicht unbedingt anders aus. Zwar hat sich die politische Lage etwas gebessert, aber hinzu kommt vor allem eines, was auch schon bisher die Geschichte begleitete: der Kapitalismus.

Bergbau

Coltan, Gold, Diamanten, Kobalt, Kupfer, Nickel. Rohstoffe die in Uganda und in den umliegenden Ländern vorkommen. Abgesehen davon, dass Großkonzerne gerne Rebellengruppen bezahlen, damit diese die Abbau-Territorien dieser Rohstoffe bewachen, und dabei auch gerne mal Menschen umgebracht oder vergewaltigt werden, gab es auch zwischen 1996 und 2004 Überfälle der ugandischen Armee auf den Kongo um eben solche Flächen für sich zu beanspruchen, mit Mord und Vergewaltigung. Natürlich nur im Sinne des Profits, da die Absatzmärkte in Europa, Asien und Amerika danach gieren.

Kaffee

2001 wurden in Uganda 392 Landarbeiterfamilien, also über 2000 Menschen von ihrem Land vertrieben. Dieses Land wurde dann einem deutschen Kaffeeanbauer zugesprochen, der – wie sollte es auch anders sein – die jetzigen Arbeiter dort ebenso gering vergütet, dass es ein Wunder ist, dass diese überhaupt überleben können. Das ist nur ein bekannter Fall. Allgemeinhin ist es sicher kein Geheimnis, dass ca. 90% der Kaffee-Bauern kaum die Mittel haben um zu leben.

Der Viktoria-Barsch 

sollte jedem bekannt sein, den gibt es nahezu überall im Supermarkt. 1960 schon wurde der Viktoria-See als Experiment betitelt, bekam einen Flughafen und das größte aller Übel: eine Monokultur, die andere Tier-und Pflanzen-Arten weitgehend verdrängt hat. Der Nilbarsch wurde ab sofort dort angesiedelt und gezüchtet, verkauft in die “zivilisierte” Welt. Inzwischen ist der See dabei zu kippen, sprich sein kompletter Lebensraum wird unbewohnbar für jegliche Tier- und Pflanzenarten.

Öl

In den letzten Jahren wurde in Uganda am Lake Albert Öl gefunden. Zur Hälfte gehört dieser allerdings dem Kongo. Durch einen Schusswechsel kamen bereits Menschen um. Was das für die Zukunft heißt, können wir aus anderen Ländern ablesen.

Blumen

Da in Europa der Blumenanbau zu teuer wird, werden immer mehr Blumenfarmen nach Afrika verlegt, auch nach Uganda. Über unwürdige Behandlung von Vorgesetzten, ungeschützter Umgang mit Chemikalien und vor allem wieder mal existenzwidriger “Entlohnung” gibt es inzwischen sogar einige Dokumentationen.

Die Liste lässt sich weiter führen und findet vlt. nie ein Ende

Aber diese Themen sollen vor allem punktgebend sein. Es geht hauptsächlich darum Profit zu erwirtschaften. Darum geht es Konzernen, Gruppen und auch der vielen Regierungen. Keinem von diesen geht es darum damit Gutes zu tun, sondern lediglich sein eigenen Geldbeutel zu bereichern. Genau durch solche stetigen immer wieder auftretenden Missstände, die sowohl durch Wirtschaft als auch durch Staaten erzeugt werden, bekommen Verbrecher wie Kony Zuwachs. Menschen werden vertrieben, absichtlich auf einem beschissenen Lebensstandard gehalten, damit anderswo Produkte schön günstig sein können, die Infrastruktur wird lediglich ausgebaut um besseren Zugang zu den Feldern oder Abbau-Regionen zu haben, Wasser wird verschwendet um Blumen zu gießen, Seen trocknen aus, Menschen müssen hungern. In Verbindung mit mangelnder Schulbildung erfahren Gruppen und Menschen Zuwachs die anderen nun etwas Besseres versprechen, oder vlt. auch einfach nur einen Job, zum Beispiel als Soldat. Wer will denn schon hungern?

Also ist das Problem “Kony” mit einem Fangen dieses Verbrechers noch lange nicht beseitigt. Der eigentliche Verbrecher ist der, der genau dieses System unterstützt und somit exakt solchen Idioten so einen Zuwachs beschert. Es wird in Zukunft noch 30 weitere Konys geben, wenn sich am eigentlichen Problem, nämlich der Ausbeutung und der Gier nach Profit ohne Rücksicht auf Verluste, nichts ändert. Da hilft auch kein Wirtschaftswachstum. Wirtschaft wächst auch, wenn ich einfach noch mehr Menschen ausbeuten kann und die Erlöse steigen und ich alles einsacken kann. Der Fehler liegt im System, das auf Menschlichkeit scheisst und jedes lebende Wesen in ein Währungs-Zeichen verwandelt, das sich interessanterweise auch noch durch Zellteilung vermehren soll. Weder Spenden noch Aufbau-Projekte sonstiger Art werden helfen, wenn alles was erreicht wird aufgrund dieses Systems wieder zu Nichte gemacht wird.

Das System nennt sich Kapitalismus und nichts als Leid und Profit hat es mit sich zu bringen. Der Verbrecher ist der, der vor dem Bildschirm sitzt und das liest und dieses System weiterhin darin bestärkt zu existieren. Aber ja ich weiß, alle haben wir gerne schöne Schuhe, schöne Handys, schöne Autos, schöne Motoren, schöne Klunker, schöne Kleidung etc. etc. Und zu welchem Preis? Blut, Leid und Mord ist die Antwort.

Interessant ist übrigens:

das Problem “Kony” ist seit 2006 in Uganda eigentlich gar nicht mehr präsent. Hiesige ehemalige Kinder-Soldaten, Zwangsrekrutiert unter Kony, sind inzwischen Halb-Erwachsene, die nun vor allem eines sind: Arbeitslos auf der Straße. Bis der nächste Verbrecher kommt und ihnen einen “Job” anbietet. Völlig egal wer. Uganda hat inzwischen mit Seuchen zu kämpfen, nicht mit Kony. So titelt auch ein ugandischer Journalist das Ganze als “For Most Ugandans Kony’s Crimes Are From a Bygone Era” und “For many in the conflict prevention community, including those who worry about the further militarization of Central Africa, this campaign is just another bad solution to a more difficult problem.”.

Der Letzt haben sich “Invisible Children” in einer Stellungnahme zur Kritik geäußert und ihre Finanzpläne weiter erläutert. Über 1,4 Mio $ sind für “Management und General” was nicht weiter erläutert wird. Aber unter anderem werden einige Hilfsprojekte finanziert, auch in den umliegenden Ländern. Dem kann man nicht unbedingt schlechtes zusprechen. Wenn man allerdings überlegt, dass sie sich ebenso in ihrer Stellungnahme dazu äußern, dass sie weiterhin darauf abzielen, dass die USA mit ihren Mittel helfen sollen, Kony zu fassen, dann ist das mindestens schon mal stark fragwürdig. Erinnern wir uns doch genau an die Zeit, die dem Kontinent das ganze Elend gebracht hat, als der weiße Mann kam und meinte er müsse den Einwohnern seine Regeln aufpressen, aber tiefer gehe ich jetzt nicht darauf ein.

Betrachtet man “Kony 2012″ nun nochmal mit dem Fakt, dass seit 2006 von Kony kaum noch etwas zu hören war, dann ist die gesamte Aktion vor allem eines: ein Rache-Plan. Eine Aktion, die sich auf das niederste aller Gefühle im Menschen beruft um ihm das Gefühl zu geben er habe Recht und sei ein Held. Es geht nicht etwa darum, die Situation der Menschen zu verbessern, es geht bei “Kony 2012″ nur darum Rache zu üben und sonst nichts weiter. Oft entsteht der Eindruck, der Mensch wartet gerne, bis ein Unglück geschieht und stellt sich danach als Held hin, wenn er den Verbrecher besiegt. Aber das Unglück gar nicht erst zuzulassen, das scheint eine Idee zu sein, die leider keine Anerkennung erntet. Diese Kampagne ist dafür das beste Beispiel. Und so wird es immer weiter gehen, wenn dieses System besteht, es werden immer Verbrecher aufkommen, eben aus diesem erst geboren und es wird immer wieder “Helden” geben, die den Verbrecher besiegen, aber dem Menschen in keinster Weise damit helfen, denn das Unglück ist bereits geschehen und kann nicht rückgängig gemacht werden.

Diese Schrift bedient sich keines wissenschaftlichen Anspruchs. Sie soll in erster Linie dazu dienen nachzudenken und freut sich auch über Kritik.

Quellen:

Advertisements