Linksjugend [’solid] und DIE LINKE. auf dem Internationalen Jugendcamp 2010 in der Türkei

Ein Erfahrungsbericht

Vom 03-12. August kamen etwa 3000 Jugendliche aus allen Teilen der Welt in der Türkei zusammen. Im Vordergrund stand das solidarische Miteinander der Kulturen und Nationalitäten. Mit dem Motto „Diese Welt ist unsere Welt“ wurden verschiedene Veranstaltungen wie Tänze, Konzerte, Sportwettbewerbe und natürlich auch politische Bildungsaktionen durchgeführt.

Die über 3000 anwesenden jungen Männer und Frauen setzten ein Zeichen für eine sozialistische, friedliche, ökologische und gegen eine militaristische und vom Kapitalismus gesteuerte Welt.

Die Aktion war ein voller Erfolg: Menschen verschiedenster Couleur lernten sich kennen, bildeten sich weiter und schöpften Mut, für eine bessere Welt weiterzukämpfen. Die Linksjugend [’solid] und DIE LINKE. haben keine Kosten und Mühen gescheut, um bei dieser Großveranstaltung präsent zu sein.

Über 3000 Jugendliche kamen zusammen, um ein solidarisches Miteinander der Kulturen zu ermöglichen. Hier ein kleiner Ausschnitt der riesigen Camping-Anlage in Selcuk (Izmir)

Die Sonne scheint, der Motor des Autos brummt: Die Hitze bringt uns fast um. Doch die lange Herfahrt lohnt sich!

Wir kommen zu einem großen Campingplatz am Strand von Selcuk, einer Kleinstadt in der Nähe von Izmir, weil wir von Freunden aus der DIDF-Jugend in Karlsruhe eingeladen wurde und weil es mich und meinen Vater als Mitglieder der Linksjugend [’solid] und der Linkspartei enorm interessiert.

Wir werden freundlich begrüßt und gebeten, am Eingang unsere Personalausweise abzugeben, da wir ja ohne Anmeldung kommen. Kaum mache ich einen Schritt auf dem Campingplatz, überwältigt mich der Anblick: Ein enorm großes Gelände mit zahlreichen bunten Jugendlichen. Ich entschließe mich, zunächst einen kleinen Spaziergang zu machen und nach bekannten Gesichtern Ausschau zu halten.

Der Platz ist riesig. Kein Wunder, es sind nach offiziellen Angaben 3000 Menschen anwesend.

Auf der einen Seite befinden sich zahlreiche Zelte, die aber kaum genutzt werden, da fast niemand den Tag mit schlafen verschwenden möchte. Auf der anderen, viel größeren Seite befinden sich kleine bis große Stände und Anlagen. Viele verkaufen linke Literatur, haben Schilder und Plakate mit Sätzen wie „Mehr Geld in Bildung statt in Rüstung“ … aufgehängt. Es läuft Musik in verschiedenen Sprachen und es wird gemeinschaftlich gekocht, getanzt und gesungen. Alles gehört hier jedem. Da wo sich die Tische und Stühle für die Mahlzeiten befinden, läuft gerade ein Tanzkurs mit einem prominenten Tanzlehrer aus Diyarbakır Doch an einem Camp in der Türkei darf natürlich das Meer nicht fehlen. Viele junge Männer und Frauen genießen die Sonne am Strand und schwimmen im klaren Blau der Ägäis. Doch es dauert nicht lange, bis ich schon die ersten Bekannten sehe: AktivistInnen aus der DIDF Karlsruhe begrüßen mich recht herzlich und laden mich zum Tee ein. Die Föderation Demokratischer Arbeitervereine (türkisch: Demokratik Işçi Dernekleri Federasyonu, DIDF), ist eine im Jahre 1980 gegründete Organisation von hauptsächlich türkisch- und kurdischstämmigen ArbeiterInnnen in Deutschland, die sich durch sozialem und kulturellem Engagement der Förderung des Dialogs der Nationen und Kulturen widmet. Da die DIDF eine der Mitorganisatoren des Camps ist, gibt es auch einen Stand von ihnen mit eigenen Materialien. Kurz darauf sehe ich weitere Karlsruher- die Falken und die Antifa aus der Südstadt. Wir unterhalten uns und sie drücken mir ihre Zeitung in die Hand.

Doch wir haben nicht lange Zeit zu plaudern, denn da beginnen schon die Vorträge und Referate. Sie reichen von Referaten zur Planwirtschaft im Sozialismus über Diskussionstreffen zum Kurdenproblem in der Türkei bishin zu Erfahrungsberichten der linken Bewegungen aus anderen Ländern und Kontinenten. Doch der Höhepunkt ist der Vortrag des intellektuellen Vordenkers der Arbeiterpartei in der Türkei, der Emek Partisi (EMEP), Aydın Çubukçu, der über die elementare Bedeutung der Kunst in jeder Gesellschaft erzählt.

Während einer der zahlreichen politischen Vorträge und Diskussionen hier: ein Bericht in verschiedenen Sprachen über die linken Bewegungen in anderen Ländern

Am Abend dann ist Musik angesagt! Die in der Türkei sehr bekannte Rockgruppe Moğollar ist der kulturelle Headliner des heutigen Tages. Die Band ist dem Anadolu-Rock, einer rockigen Auslegung anatolischer Musik, zuzuordnen und begeistert die Menge mit ihren fetzigen Melodien.

Doch der Inhalt ihrer Texte ist hochpolitisch, voller Sozialkritik und alternativen Denkansätzen. Vor allem als Lieder von Cem Karaca, einem legendären türkischen Rockmusiker, der in der Türkei wegen seiner gesellschaftskritischen Texte politisch verfolgt wurde, gespielt werden, hält es keinen mehr auf ihren Sitzen.

Lautstarke „Zugabe“-Rufe sind zu hören. Doch die Band hatte schon zwei „Zugaben“ gegeben. Morgens um 4 Uhr siegt dann doch die Erschöpfung und die meisten ziehen sich in ihre Zelte zurück, um wenigstens ein paar Stunden zu schlafen. Denn am nächsten Tag beginnen die Vorträge recht früh. Ich geselle mich zu den AktivistInnen der DIDF-Jugend in Karlsruhe. Wir besuchen ein Diskussionstreffen, das sich mit dem Problem beschäftigt, ob die Bedürfnisse eines Menschen gestillt werden können oder, wie es der Kapitalismus sehe, eben nicht.

Auch Aydın Çubukçu hält wieder einen Vortrag. Diesmal über die Stellung sozialistischer Medien in einer kapitalistischen Gesellschaft. Leider haben mein Vater und ich als Gäste dieses Camps unsere „Besuchszeit“ schon weit überschritten und wir entschließen uns aufzubrechen. Natürlich vergessen wir nicht, uns bei den Genossen von DIDF zu verabschieden. Doch das, was mich an dem Camp am meisten erstaunt, sind nicht die inhaltlichen Debatten, die geführt werden, auch nicht das breite Spektrum der tollen kulturellen Angebote, sondern vielmehr die Tatsache, wie so eine enorme Anzahl von Menschen es schafft, dieses riesige Camp, also quasi sich selbst, zu organisieren. Am Eingang ist mir die Kette von Menschen aufgefallen, die sich nacheinander mehrere Flaschen Wasser reichen. Alle paar Stunden sieht man an den Theken, wo Essen und Trinken ausgeschenkt werden, neue Gesichter. Bei diesem Camp gehört jedem alles, keiner spielt sich in irgendeiner Weise in den Mittelpunkt, da jede Hilfe gleich viel Wert ist. Alle helfen hier gerne, denn jeder Einzelne weiß, dass er/sie eine Verantwortung trägt, damit das System nicht zusammenbricht.

Diese Selbstorganisation einer Gemeinschaft von weit mehr als 3000 Menschen hat mir gezeigt, dass es auch anders geht. Man braucht eben nicht immer einen Chef, einen Vorstand, der über andere entscheidet und Aufgaben verteilt. Hierarchien sind eben doch nicht immer notwendig, damit ein System, eine Organisation am Leben bleibt.Diese Welt ist unsere Welt“, steht auf den Transparenten, die an den Bäumen hängen. Ich denke, ein passenderes Motto hätte keiner finden können, um die Aussage dieses Projekts zu überspitzen.

von Ilhan E. Cankaya Linksjugend [’solid] Karlsruhe

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