Die Veränderung beginnt in den Köpfen – Ein Erfahrungsbericht über „Bologna burns“ in Wien

Die Veränderung beginnt in den Köpfen –

Ein Erfahrungsbericht über „Bologna burns“ in Wien

Ich habe mich in Wien verliebt. War schon total begeistert als wir uns abends vorsichtig in die Stadt rein geschlichen haben. Ganz langsam sind wir voran gepirscht. Vorher im Internet noch die Lage gecheckt.

Mist.

300 Verhaftlungen auf einmal sagt Twitter.

Hetzjagd auf StudentInnen.

Stimmt das? Und da wollen wir jetzt hin?

Sind nun endlich angekommen. Wie keine Cops?

Oh. Scheinbar nicht. Alles friedlich.

Dann ist die Aktion wohl vorbei.

Die CampusbewohnerInnen scheinen gleich sehr freundlich und zuvorkommend.

An der VoKü komme ich gleich ins Gespräch.

Die Stimmung ist gelöst. Die Blockaden waren scheinbar ziemlich anstrengend und doch relativ erfolgreich. Immerhin um anderthalb Stunden konnte die Gala rausgezögert werden und ein Minister musste seine Beine anstrengend und zu Fuß gehen.

Ich finde es sehr schade, nicht bei den Blockaden dabei gewesen zu sein. War sicher spannend. Aber auch nervenaufreibend. Das Polizeiaufkommen war scheinbar relativ groß. Bis Mitternacht hielten die DemonstantInnen durch. Respekt. Zeugt von langem Durchhaltevermögen. Haben die Studies ja aber auch. Spätestens seit dem Bachelor sind sie es gewöhnt, wenig zu schlafen und sich ausschließlich auf eine Sache – Moment auf tausend verschiedene Sachen mit einem Zweck – zu konzentrieren. Ob sich die Wirtschaft mit ihren menschenunwürdigen Anforderungen nicht selbst ins Bein schießt? Das werden wir ja mal noch sehen.

Die Minister räumen immerhin schon mal ein, dass sie bei der Bologna-Umsetzung die soziale Komponente weitestgehend ausgeklammert haben.

Toll. Endlich ist es das oben auch einmal angekommen.

Passend zu Problemen in der Politik und Gesellschaft bieten die Studies in den kommenden Tagen zahlreiche Workshops an.

Mein Freitag beginnt mit einem Workshop zum Thema „ Feminismus und Bildung“.

Im Anschluss besuchte ich die Workshops „Aktion Banküberfall – Möglichkeiten zur Radikalisierung der Bildungsproteste“ und „Partizipation in der Praxis“.

Nun schlendere ich über den riesigen Campus.

Ich komme ins „Café internationale“ – ein zentraler Treffpunkt für die Streikenden – und bin beeindruckt

Die Vielfalt, die sich hier an Menschen zeigt übertrifft bei weitem die mir aus dem Bildungsstreik bekannte.

Und obwohl in den verschiedenen Ländern die Mentalitäten, Lebensweisen, Möglichkeiten und Probleme doch recht vielfältig und unterschiedlich zu sein scheinen, verstehen sich die Protestierenden prima.

Die Atmosphäre ist locker und ruhig und zugleich voller Spannung.

Dolmetscher – sogar in Gebärdesprache – und englische Plena und Diskussionen sorgen wirklich für eine optimale Zusammenarbeit und ein internationales Feeling. Auch beim abendlichen Feiern sind alle beteiligt. So lassen sich die ca. 200 italienischen StudentInnen auf der Tanzfläche erkennen, gemeinsam ausgelassen tanzend und Parolen rufend. Wirklich beeindruckend solch ein Zusammenhalt.

Ich denke an zu Hause.

Ist einfach eine andere Größenordnung.

Unsere Gemeinschaft hat recht gut funktioniert. Dort waren auch unterschiedliche Charaktere, Meinungen und Kulturen vertreten.

Und doch waren wir im Vergleich zu Wien recht klein. Ich frage mich, wie das funktionieren kann. So viele verschiedenen Menschen auf einem Haufen. Da könnte man denken, in größerer Dimension funktioniert eine harmonische Gemeinschaft dann nicht mehr. Und sicherlich, es dauert ein Weilchen, bis man unter knapp tausend Protestierenden alle kennt.

Aber es gelingt. Wien hat es eindrucksvoll gezeigt. Eine so große Gemeinschaft kann durchaus gelingen, wenn genügend Toleranz vorhanden ist.

Man zeigt mir Bilder von der Besetzung in Wien. Tausend Studierende besetzten den Hörsaal. Kein Wunder, dass mir die Kinnlade runter fällt.

Doch noch eindrucksvoller als die – für mich riesige – Größenordnung sind mir die einzelnen Charaktere in Erinnerung geblieben:

Sehr offene, liebe Menschen mit genügend notwenigem Raum für Toleranz.

Sie begegneten mir interessiert und freundlich.

Ich habe noch nie auf einmal so viele Menschen kennen gelernt, wie während der Zeit von „Bologna burns“. Faszinierend wie schnell aus Bekanntschaften „kleine Beziehungen“ werden. Das geht hier wirklich schnell. Viele faszinierende Lebensgeschichten, Weltansichten und Probleme.

Politische Diskussionen dabei sind sehr interessant. Ich finde sie verraten sehr viel über einen Menschen. Sie zeigen, wie der Mensch über die Menschheit und deren Handelen denkt. Das System in dem wir leben wird hinterfragt. Oder auch nicht.

Durch Auseinandersetzen mit manchmal auch konträren Positionen kann man sehr viel mitnehmen, wenn man sich darauf einlässt.

Man lernt sich vielfältiger mit verschiedenen Meinungen und Schwierigkeiten auseinander zu setzen. Durch tiefer gehende Gespräche hat man zu den Menschen dann einen ganz besonderen Bezug.

Wahrscheinlich entsteht dadurch die Toleranz, die mir so lebendig in Erinnerung geblieben ist.

Diese Offenheit beschränkt sich hier aber nicht nur auf die Studierenden selbst.

Alle wurden herzlich aufgenommen.

Sehr berührt hat mich die bedingungslose Hilfsbereitschaft der Wiener Studierenden

Diese haben sich teils 24-7 um Obdachlose gekümmert.

Von manchen wird dieses Engagement aber nicht verstanden. Die Obdachlosen sind unerwünscht und sollen auch nach Meinung einiger Securities vom Campus verwiesen werden. Von Außen kann man diese Meinung natürlich leicht vertreten. Die Obdachlosen sind teilweise hilfsbedürftig und perspektivlos, was den Umgang mit ihnen nicht einfach macht. Die Studierenden waren der Meinung, dass die Revolution in den Köpfen der Menschen stattfinden muss. Es soll nicht nur ein Bewusstsein für die aussichtlose Situation der Obdachlosen gefördert werden, sondern die Erkenntnis, dass solch ein Schicksal jeden treffen könnte und man dann selbst niemanden hat, der einen auffängt. Diese Menschen fallen durch ein Raster. Sie werden einfach abgestempelt und komplett aus der Gesellschaft abschoben.


Dieses Engagement zeigt, dass es ihnen nicht nur um ihre eigene Situation, sondern um eine ganzheitliche Veränderung der Gesellschaft geht.
Sie leben also ihre eigenen Ideale und bleiben nicht bei Forderungen und lehren Worten stehen.

Ein Grund mehr, die Studierendenbewegung ernst zu nehmen. Sehr viele Politiker können sich bei ihnen eine Scheibe abschneiden.

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